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Wie man mit Jugendlichen über Gewalt in Sozialen Medien und Spielen sprechen kann

Wie man mit Ju­gend­li­chen über Ge­walt in So­zia­len Me­di­en und Spie­len spre­chen kann

Hass­grup­pen im Netz, das Tei­len von pein­li­chen Fotos auf WhatsApp oder se­xua­li­sier­te Schimpf­wör­ter: als Ge­walt wür­den das man­che Ju­gend­li­che nicht be­zeich­nen. Wie man mit Her­an­wach­sen­den dar­über reden kann, wo Ge­walt an­fängt oder auf­hört, ver­an­schau­lich­te uns Kindermedienland-​Referent To­bi­as Gäckle-​Brauchler in einem He­chin­ger Gym­na­si­um.

An­fang Juli waren wir mit un­se­rem Kindermedienland-​Referenten To­bi­as Gäckle-​Brauchler im Gym­na­si­um He­chin­gen zu Gast. Bei einem Pro­jekt­tag rund um das Thema „Sucht be­kämp­fen“ re­fe­rier­te er vor ca. 20 Schü­le­rin­nen und Schü­lern über die Wir­kung von Com­pu­ter­spie­len. Wäh­rend des Vor­tra­ges the­ma­ti­sier­te er auch Ge­walt in den Spie­len und So­zia­len Me­di­en. In­ter­es­sant war, was die Schü­le­rin­nen und Schü­ler als Ge­walt be­trach­ten – und was nicht.

Es ist Mon­tag­mor­gen mit­ten im Juli und wir ste­hen in einem He­chin­ger Klas­sen­zim­mer im Stuhl­kreis vor zwan­zig Her­an­wach­sen­den im Alter von 13 bis 16, die sich nach dem bal­di­gen Be­ginn der Som­mer­fe­ri­en seh­nen. „Wer kennt die USK?“ fragt unser Re­fe­rent. Ein paar zö­ger­li­che Mel­dun­gen. To­bi­as Gäckle-​Brauchler er­klärt, dass die Un­ter­hal­tungs­soft­ware Selbst­kon­trol­le für die Al­ters­an­ga­ben auf Spie­len zu­stän­dig ist und Kri­te­ri­en fest­le­gen muss, was Ge­walt ei­gent­lich ist. „Heute wol­len wir dar­über reden, wo Ge­walt an­fängt.“, lei­tet er das fol­gen­de Ex­pe­ri­ment ein.

Um mit den Ju­gend­li­chen ins Ge­spräch zu kom­men, hat To­bi­as Gäckle-​Brauchler auf einer PowerPoint-​Präsentation ein paar ganz ein­fa­che Fall­bei­spie­le mit­ge­bracht. Die Ju­gend­li­chen sol­len sich zu jedem Bei­spiel im Raum po­si­tio­nie­ren: Auf die Fens­ter­sei­te des Rau­mes, wenn sie das Bei­spiel für ein Fall von Ge­walt hal­ten – und auf die Wand­sei­te, wenn nicht.

„Wich­tig: Es gibt kein rich­tig und kein falsch. Es kommt auf eure Ein­schät­zung der Si­tua­ti­on an. Und ihr müsst das für euch al­lei­ne ent­schei­den. Und da­nach spre­chen wird dar­über, wie ihr auf die Ein­schät­zung ge­kom­men seid.“, er­klärt der Re­fe­rent die Spiel­re­geln.

Ju­gend­li­che über Hass-​Gruppen im Netz: „Das ist keine Ge­walt. Die schrei­ben ja nur.“

Hier die Bei­spie­le un­se­res Kindermedienland-​Referenten:

1. Fran­zis­ka schlägt Ni­klas beim Her­um­to­ben mit dem Turn­beu­tel auf den Kopf. Ist das Ge­walt?

Die Schü­ler ver­tei­len sich zur Hälf­te auf die linke und rech­te Seite des Rau­mes. „Das ist keine Ge­walt, da man davon aus­ge­hen kann, dass es keine Ab­sicht war“, mel­det sich ein Schü­ler. Der Re­fe­rent nickt und zeigt das nächs­te Bei­spiel.

2. Sven­ja kom­men­tiert bei In­sta­gram ein Foto ihrer Freun­din Katja mit „Ey, geile Schlam­pe.“

Das sei keine Ge­walt, äu­ßert sich eine Schü­le­rin, „da man sowas öfter mal aus Spaß sagt.“ Was sich än­dern würde, wenn das eine Viert­kläss­le­rin schrei­ben würde, will der Re­fe­rent wis­sen. Die Ju­gend­li­chen grü­beln nach.

3. Hol­ger grün­det bei WhatsApp eine Max-​Hasser-Gruppe.

Die meis­ten Schü­le­rin­nen und Schü­ler gehen zur Gewalt-​Seite. Ein Schü­ler bleibt an der Wand-​Seite ste­hen und ist davon über­zeugt, dass das keine Ge­walt sei. „Weil die da ja nur schrei­ben“, be­grün­det er seine Ein­schät­zung.

4. Luca fo­to­gra­fiert Ben in einer pein­li­chen Si­tua­ti­on und stellt das Bild an­schlie­ßend in die WhatsApp-​Klassengruppe.

„Das ist keine Ge­walt, weil das bei uns schon öf­ters vor­ge­kom­men ist und wir fin­den das ein­fach wit­zig.“, fin­det ein Schü­ler. „Das kann ja auch zu Mob­bing aus­ar­ten. Des­we­gen halte ich es für Ge­walt“, er­klärt ein an­de­rer.

5. Als Paul eine fal­sche Ant­wort sagt, wird er von der gan­zen Klas­se aus­ge­lacht.

Ein Groß­teil der Ju­gend­li­chen hat durch die Bei­spie­le an­ge­fan­gen zu re­flek­tie­ren und stellt sich bei Ge­walt auf. 

Ein­stiegs­fra­gen: Wann ist es klar Ge­walt?

To­bi­as Gäckle-​Brauchler zählt meh­re­re Fak­to­ren auf, mit denen man Ge­walt von nicht ge­walt­tä­ti­gen Hand­lun­gen klar un­ter­schei­den kann.

  • Punkt 1: „Ab dem Zeit­punkt, bei dem wir Hilfe von außen be­nö­ti­gen, ist es immer Ge­walt. Wenn z. B. in dem ge­nann­ten Turn­beu­tel eine volle Glas­fla­sche war und der Ni­klas ein Loch im Kopf hat, ist es Ge­walt.“
  • Punkt 2: „Wenn die ge­nann­ten Bei­spie­le, wie das Aus­la­chen oder Ver­schi­cken von pein­li­chen Bil­dern immer wie­der ge­sche­hen und immer die glei­che Per­son trifft, dann spricht man von ‚Cy­ber­mob­bing‘ und es han­delt sich um Ge­walt.“
  • Punkt 3: „Wenn ein Ver­hal­ten so­weit führt, dass die be­trof­fe­ne Per­son, nicht mehr in die Schu­le will oder nicht mehr das Smart­pho­ne an­ma­chen will, ist es Ge­walt.“

Es gibt Fälle, er­klärt To­bi­as Gäckle-​Brauchler, bei denen die Un­ter­schei­dung nicht ganz so ein­fach sei. Er will den Ju­gend­li­chen meh­re­re Fra­gen an die Hand geben, mit denen sie zu­künf­tig re­flek­tie­ren sol­len, wann Ge­walt an­fängt.

Frage 1: Wo ist meine „rote Linie“?

Jeder Mensch hat eine „ima­gi­nä­re rote Line“. So­bald diese Linie über­schrit­ten wird, han­delt es sich um eine Grenz­über­schrei­tung und somit um eine Art von Ge­walt. Die Ju­gend­li­chen kön­nen mit einer prak­ti­schen Übung für sich fest­stel­len, wo diese Gren­ze liegt: In Zwei­er­grup­pen kön­nen sie lang­sam auf­ein­an­der zu­ge­hen und so­bald einer dem an­de­ren „zu nahe kommt“, muss er oder sie laut „Stopp“ rufen. Ge­nau­so wie bei der Wahr­neh­mung von Nähe und Di­stanz ver­hält es sich bei Ge­walt. Was für den einen noch Spaß ist, kann für den an­de­ren be­reits Ernst sein. Ein Turn­beu­tel­schlag gegen den Arm bei einer kin­di­schen Rau­fe­rei? Was als harm­lo­ser Schlag ge­wer­tet wer­den kann, be­deu­tet für je­mand an­de­ren be­reits Ge­walt. Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler sol­len für sich fest­le­gen, wo bei ihnen kör­per­li­che Ge­walt an­fängt.

Die Ju­gend­li­chen sol­len auch de­fi­nie­ren, wo für sie ver­ba­le Ge­walt be­ginnt – wie bei dem Bei­spiel mit der „Schlam­pe“. To­bi­as Gäckle-​Brauchler geht noch­mal auf das vor­he­ri­ge Bei­spiel ein: „Katja hat das Recht, ihrer Freun­din zu sagen, dass sie nicht ‚Schlam­pe‘ ge­nannt wer­den möch­te und dass es für sie nicht in Ord­nung ist, so ge­nannt zu wer­den“. Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler ni­cken.

Das pein­li­che Foto im Klas­sen­chat über­schrei­tet die rote Gren­ze. „Im Spaß eine pein­li­che Auf­nah­me zu ma­chen ist eine Sache, sie in der WhatsApp-​Gruppe zu tei­len eine ganz an­de­re“ ver­sucht der Re­fe­rent die Her­an­wach­sen­den zu sen­si­bi­li­sie­ren. Bei jedem die­ser Ein­zel­fäl­le muss die „in­di­vi­du­el­le Sicht­wei­se“ des Be­trof­fe­nen be­rück­sich­tigt wer­den. „Nur, weil ich eine spe­zi­el­le Sicht­wei­se haben, heißt das nicht, dass mein Ge­gen­über diese Sicht­wei­se teilt.“, er­klärt To­bi­as Gäckle-​Brauchler.

Frage 2: Von wem geht die Ge­walt aus?

Bei der prak­ti­schen Übung um Di­stanz und Nähe wahr­zu­neh­men, stel­len die Ju­gend­li­chen fest, dass sie bei Freun­den und Fa­mi­li­en­mit­glie­dern meis­tens we­ni­ger Pro­ble­me mit Nähe haben. So­bald es sich um einen Frem­den han­delt, wird diese Nähe an­ders emp­fun­den. Der Re­fe­rent will er­klä­ren, dass ge­nau­so Ge­walt davon ab­hän­gig ist, ob sie von Au­ßen­ste­hen­den aus­geht oder von Freun­den. Er nennt dafür ein Bei­spiel: „Zwei Freun­din­nen kön­nen im Spaß zu­ein­an­der Schimpf­wör­ter sagen und wis­sen, wie es ge­meint ist. Wenn aber das glei­che Schimpf­wort von je­man­den kommt, den man nicht mag oder den man nicht kennt, dann än­dert sich die Wahr­neh­mung.“

Frage 3: In wel­chem Klas­sen­kli­ma tritt die Ge­walt auf?

„An­ge­nom­men, ein Bild wird in der Klas­sen­grup­pe ge­teilt und in die­ser Klas­se herrscht ein Klima von Ver­trau­en und Zu­sam­men­halt. Dann würde eine Woche spä­ter kei­ner mehr an den Vor­fall den­ken. Herrscht statt­des­sen ein un­ge­sun­des Klas­sen­kli­ma, bei dem Miss­trau­en und Grüpp­chen­bil­dung an der Ta­ges­ord­nung sind, dann hätte der Vor­fall eine an­de­re Be­deu­tung.“  To­bi­as Gäckle-​Brauchler ver­mu­tet, dass sich der glei­che Fall bei einer an­de­ren Aus­gangs­si­tua­ti­on zu einem Cybermobbing-​Fall hoch­schau­keln kann. Das Klas­sen­kli­ma kann den Un­ter­schied ma­chen, sagt er.

Frage 4: Liegt eine Straf­tat oder ein Rechts­ver­stoß vor?

Im Fall des pein­li­chen Fotos auf WhatApp liegt sogar ein Ver­stoß gegen das Recht am ei­ge­nen Bild vor, falls vom Ab­ge­bil­de­ten (bzw. von des­sen El­tern bei Min­der­jäh­ri­gen) kein Ein­ver­ständ­nis vor­liegt. Je nach den in­di­vi­du­el­len Um­stän­den sieht das Kunst­ur­he­ber­ge­setz bei einem Ver­stoß „als Stra­fe ent­we­der einen Frei­heits­ent­zug von bis zu einem Jahr oder eine Geld­stra­fe vor“ – so zi­tiert unser Re­fe­rent den Ge­set­zes­text. An­ge­nom­men, der auf dem Foto Ab­ge­bil­de­te hat kein Ein­ver­ständ­nis für die Ver­öf­fent­li­chung auf WhatsApp ge­ge­ben, „dann könn­te er damit auch zum An­walt oder zur Po­li­zei gehen“. So eine Ab­mah­nung kann für den Ver­brei­ter des Bil­des teuer wer­den, warnt Gäckle-​Brauchler.

Frage 5: Was hat der/die Be­trof­fe­ne vor dem An­griff er­lebt?

Wie je­mand auf einen Witz oder einen tat­säch­li­chen An­griff re­agiert, hängt stark davon ab, in wel­cher emo­tio­na­len Dis­po­si­ti­on der oder die An­ge­grif­fe­ne sich be­fin­det. Um dies auf­zu­zei­gen hat der Re­fe­rent zur Re­flek­ti­on ein paar Fra­gen mit­ge­bracht.

„Wer von den Schü­le­rin­nen und Schü­lern ist frei­wil­lig zu die­sem Work­shop ge­kom­men? Ein paar von euch sind be­stimmt un­frei­wil­lig hier.“

„Wer von euch hat schlecht ge­schla­fen oder hatte ges­tern einen schlech­ten Tag?“

„Wer von euch hatte ges­tern Zoff mit den El­tern, wegen einer schlech­ten Note?“

Genau diese Vor­ge­schich­ten be­ein­flus­sen tag­täg­lich un­se­re Wahr­neh­mung. To­bi­as Gäckle-​Brauchler geht das Bei­spiel mit dem aus­ge­lach­ten Schü­ler ein: „An­ge­nom­men, die­ser Paul wurde be­reits öfter für fal­sche Ant­wor­ten aus­ge­lacht und kennt das be­reits. Nur die­ses eine Mal ist alles an­ders. Am letz­ten Wo­chen­en­de ist näm­lich Pauls Oma ge­stor­ben. Nor­ma­ler­wei­se konn­te Paul mit Sti­che­lei­en gut um­ge­hen, nur dies­mal ras­tet er aus.“ Der Kindermedienland-​Referent, will auf­zei­gen, dass die Schü­le­rin­nen und Schü­ler für die Le­bens­si­tua­ti­on ihrer Mit­schü­ler sen­si­bel blei­ben sol­len.

Em­pa­thie und Wert­schät­zung sind der Schlüs­sel

Zu­sam­men­fas­send: To­bi­as Gäckle-​Brauchler woll­te den Schü­le­rin­nen und Schü­lern an­hand der Bei­spie­le auf­zei­gen, dass Hand­lun­gen, die aus Af­fekt oder im Spaß ge­sche­hen, große Aus­wir­kun­gen haben kön­nen. Sein Plä­doy­er an die Schü­le­rin­nen und Schü­ler lau­tet, mit­ein­an­der em­pa­thisch um­zu­ge­hen und beim Thema Ge­walt nicht von der ei­ge­nen Wahr­neh­mung aus­zu­ge­hen.

Das Lan­des­me­di­en­zen­trum bie­tet mit sei­ner Me­di­en­päd­ago­gi­schen Be­ra­tungs­stel­le El­tern und Lehr­kräf­ten Rat und Un­ter­stüt­zung zum päd­ago­gi­schen Ju­gend­me­di­en­schutz. Dazu zäh­len auch der Um­gang mit Ge­walt in Klas­sen­chats, Hass­re­den im In­ter­net oder Cy­ber­mob­bing. Sie ist mon­tags, mitt­wochs, don­ners­tags von 8 bis 17 Uhr, diens­tags von 8 bis 19 Uhr sowie frei­tags von 8 bis 15 Uhr er­reich­bar: unter 0711 490 963 – 21.

Die Lan­des­re­gie­rung setzt sich mit der In­itia­ti­ve „Kin­der­me­di­en­land Baden-​Württemberg“ unter der Schirm­herr­schaft von Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann dafür ein, die Me­di­en­kom­pe­tenz von Kin­dern, Ju­gend­li­chen und Er­wach­se­nen im Land zu stär­ken. Mit dem „Kin­der­me­di­en­land Baden-​Württemberg“ wer­den zahl­rei­che Pro­jek­te, Ak­ti­vi­tä­ten und Ak­teu­re im Land ge­bün­delt, ver­netzt und durch feste Un­ter­stüt­zungs­an­ge­bo­te er­gänzt. So wird eine brei­te öf­fent­li­che Auf­merk­sam­keit für die The­men Me­di­en­bil­dung und -​erziehung ge­schaf­fen. Trä­ger und Me­di­en­part­ner der In­itia­ti­ve sind die Lan­des­an­stalt für Kom­mu­ni­ka­ti­on (LFK), der Süd­west­rund­funk (SWR), das Lan­des­me­di­en­zen­trum (LMZ), die MFG Baden-​Württemberg, die Ak­ti­on Ju­gend­schutz (ajs) und der Ver­band Süd­west­deut­scher Zei­tungs­ver­le­ger (VSZV).